„Baukultur ist ...nur ein Wort“ Tim Rieniets schreibt in der Kolumne der Bundesstiftung Baukultur

„Baukultur geht alle an!“ So oder so ähnlich liest man es allenthalben in der einschlägigen Literatur. Und darin liegt schon das ganze Dilemma. Denn erstens werden diese Apelle nur von jenen gelesen, die es eh schon wussten: Von Architekten, Planern und anderen Fachleuten. Zweitens folgt diesen starken Apellen nur selten eine ebenso starke Erklärung. Warum geht denn Baukultur alle etwas an? Und drittens bleibt wie immer die Frage im Raum: Was genau ist eigentlich Baukultur?

Eines ist gewiss: Baukultur ist ein Wort. Und dieses Wort erfreut sich heute großer Beliebtheit, zumindest in Fachkreisen. Diese Beliebtheit kommt nicht von ungefähr, denn das Wort Baukultur ist durch und durch positiv konnotiert, in hohem Maße konsensfähig und birgt kein nennenswertes Konfliktrisiko. Baukultur finden alle gut. Niemand käme auf die Idee, dagegen zu sein. Das einzige Argument, das bisweilen gegen Baukultur in Stellung gebracht wird, ist das der Wirtschaftlichkeit: „Das kostet zu viel Geld!“ Aber auch das ist nur eine Bestätigung dafür, dass Baukultur längst Mainstream ist, denn welches gesellschaftliche Thema wird heute nicht auf seine Wirtschaftlichkeit hin befragt?

Also kann jeder das Wort Baukultur bedenkenlos verwenden, um damit seinem Wertebewusstsein Ausdruck zu verleihen oder um die eigenen Tätigkeiten zu adeln. Aber niemand muss erklären, was er eigentlich meint. Hört man genauer hin, dann wird jedoch deutlich, dass sich hinter dem Begriff Baukultur durchaus unterschiedliche Deutungen verbergen. Da sind zum Beispiel diejenigen, die den konservativen Aspekt von Baukultur betonen. Ihnen geht es um die Bewahrung und Pflege des baulichen Erbes unserer Kultur. Nach dieser Lesart ist Baukultur die leibliche Schwester der Denkmalpflege und wird auf all jene Bauwerke bezogen, die als denkmalwürdig, stadtbildprägend oder sonst wie als identitätsstiftend gelten.

Andere wiederum betonen nicht die konservative, sondern die normative Bedeutung des Wortes. Nach ihrem Verständnis ist Baukultur gleichbedeutend mit „kultiviertem Bauen“. Damit können die gestalterischen Qualitäten von Architektur, Stadt- und Landschaftsräumen gemeint sein, aber auch andere Qualitätsmerkmale, wie Funktionalität oder Nachhaltigkeit. Nach dieser Lesart ist Baukultur ein Prädikat: eine exklusive Auszeichnung, die nur jenen Projekten zuteil wird, denen man ein hohes Maß an Qualität zuspricht.

Und dann ist da noch eine dritte Deutung von Baukultur, die derzeit an Boden gewinnt. Sie versteht Baukultur nicht als Kulturgut, sondern als Kulturtechnik – als alltagspraktischen Umgang mit unserer gebauten Umwelt. Im Vordergrund steht weniger der baugeschichtliche oder ästhetische Wert eines Bauwerks, sondern dessen Entstehungsprozess, mit all seinen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Zusammenhängen. Dieser Deutung folgend ist Baukultur nicht die Leistung einiger weniger Fachleute, sondern Produkt und Ausdruck der Gesellschaft als Ganzes.

Das sind nur drei mögliche Deutungen von Baukultur und sie alle haben ihre Berechtigung. Denn der Begriff Baukultur ist vielfältig, so vielfältig wie der Begriff Kultur selbst. Und das ist gut so! Denn nichts wäre der Baukultur abträglicher als der Versuch, ihr eine Definition oder ein Wertesystem aufzwingen zu wollen.

Ebenso wenig zuträglich ist es jedoch, wenn über Deutungen und Werte geschwiegen wird. Und genau hier liegt unser Problem: Heute wird zwar viel „Baukultur“ gesagt, aber es wird nur wenig darüber gesprochen. Und so kommt es, dass das Wort Baukultur immer mehr an Wert verliert, entweder weil es als kuschelige Konsens-Formel herhalten muss oder für einen aufgeplusterten Fachjargon.

So nimmt es auch nicht Wunder, dass man Vordenker und Meinungsmacher schon lange nicht mehr damit locken kann. In ihren Ohren weckt das Wort Baukultur keine Erwartungen mehr. Und auch die Laienöffentlichkeit ist nur schwer zu erreichen. Denn die auratische Unbestimmtheit des Begriffs Baukultur lässt sie glauben, dass ihr das notwendige Fachwissen fehle, um mitreden zu können. Dass Baukultur alle etwas angeht, kommt ihr kaum in den Sinn.

Was uns fehlt, ist eine echte Auseinandersetzung über Baukultur. Die Ursache dafür liegt aber nicht im mangelnden Interesse. Nie wurde so viel über Stadt und Architektur geschrieben wie heute. Aber nur selten geht es um das, was wirklich alle angeht, sondern um Sensationen („Star-Architektur“) und Skandale (Flughafen Berlin Brandenburg), um Kosten (Elbphilharmonie u. a.) und Proteste (Stuttgart, Hamburg, Taksim).

Warum nicht mehr über das reden, was buchstäblich jeden betrifft: zum Beispiel über die Architektur in unseren Innenstädten oder Gewerbeparks, über die Nachhaltigkeit suburbaner Wohngebiete oder leerstehender Büroimmobilien, über die Folgen der Zuwanderung oder der Alterung unserer Gesellschaft, über steigende Mietpreise und die Tendenz zur sozialen Segregation. Es gibt genügend Themen, die uns alle betreffen. Ob wir es Baukultur nennen, ist zweitrangig.

Informationen

Autor:

Tim Rieniets

Herausgeber:

Bundesstiftung Baukultur

Jahr:

2014

Format:

Online-Artikel

www.bundesstiftung-baukultur.de

Download

 Kolumne "Baukultur ist…" von Tim Rieniets (pdf, 371 kB)

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