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LebensRäume – 16.03.2016

Making Unterkunft. Was wir vom Deutschen Pavillon in Venedig erwarten können.

Ein Kommentar von Tim Rieniets

Schon im Jahr 2011, lange bevor Deutschland zur Wunschdestination für Hunderttausende von Flüchtlingen wurde, veröffentlichte der britisch-kanadische Journalist Doug Saunders sein Buch 'Arrival City: Die neue Völkerwanderung'. In diesem Buch schildert Saunders Beobachtungen, die er in Städten in der ganzen Welt gesammelt hat, in denen Migranten eine neue Heimat gefunden haben. Saunders kommt dabei zu Erkenntnissen, die der gegenwärtigen Flüchtlingsdebatte in Deutschland und Europa gut täten. Er macht deutlich, dass Migration kein Ausnahmezustand ist – so wie es die meisten EU-Mitgliedsstaaten und auch viele Deutsche gerne sehen würden –, sondern dass Migration längst zum Normallfall geworden ist, und zwar überall auf der Welt. Rund ein Drittel der Weltbevölkerung befindet sich fern der Heimat, entweder um Schutz vor Krieg und Gewalt zu suchen oder um sich und seinen Kindern eine bessere Zukunft aufzubauen.


Aber Saunders malt kein Schreckensszenario, sondern ist überzeugt, dass Migration zum Vorteil aller sein kann – für die Neuankömmlinge ebenso wie für die Einheimischen. Voraussetzung dafür ist aber, dass die Neuankömmlinge die Möglichkeit haben, ihren Traum vom sozialen Aufstieg in die Tat umzusetzen. Dann entfalten diese Menschen Tatkraft, die nicht nur ihnen zugute kommt, sondern auch ihrer Gastgesellschaft. Doch ob das gelingt, ob die Neuankömmlinge Wohnraum und Arbeit finden, ob sie soziale Netzwerke knüpfen und ihren Kindern eine gute Schulbildung ermöglichen können, hängt ganz entscheidend vom städtischen Umfeld ab, schreibt Saunders.


Saunders Buch ist ein Lob auf die großen Städte, weil sie das Zeug dazu haben, die globalen Migrationsströme aufzunehmen und sie sozial und wirtschaftlich produktiv zu machen. Auch das ist eine These, die der gegenwärtigen Debatte in Deutschland sehr gut täte, denn die beschränkt sich derzeit auf die Frage, wie man schnell und kostengünstig Wohnraum schaffen kann. Dass dieser Wohnraum in einem geeigneten städtischen Umfeld entstehen sollte, damit die Integration von Flüchtlingen gelingen kann, wird leider viel zu wenig diskutiert.


Aber vielleicht wird 'Arrival City' in den kommenden Monaten noch mal neu rezipiert. Den Anstoß dazu gibt das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt, das den Deutschen Pavillon auf der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig kuratiert. 'Making Heimat' heißt ihr Beitrag und zeigt aktuelle Wohnbauprojekte aus Deutschland, die anlässlich der Flüchtlingskrise entstanden sind. Doug Saunders hat für dieses Projekt die theoretische Grundlage geliefert, in enger Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen des Deutschen Architekturmuseums.


Auf der Website 'Making Heimat' bekommt die Öffentlichkeit bereits jetzt einen Vorgeschmack auf das, was im Deutschen Pavillon in Venedig zu sehen sein wird. 32 ausgewählte Projekte werden auf dieser Website vorgestellt, die das Team des Deutschen Architekturmuseums in den vergangenen Monaten zusammengetragen hat. Aber 'Arrival Cities' sind unter diesen Projekten kaum zu finden. Im Gegenteil: Die wenigsten Projekte zeigen einen erkennbaren Bezug zum städtischen Umfeld oder zu den Menschen, für die diese Projekte entworfen wurden.


Gewiss, die Projekte, die in 'Making Heimat' gezeigt werden, sind unter schwierigen finanziellen und zeitlichen Voraussetzungen entstanden. Und sie sind allemal besser als alle Zeltstädte, Containerdörfer oder Sporthallen, in denen die meisten Flüchtlinge ihre Erstunterbringung fristen müssen. Aber trotzdem hätte man sich gewünscht, dass die Planer und die Architekten schon vorher Doug Saunders’ Buch gelesen hätten. Dann würde man in 'Making Heimat' vielleicht mehr Beispiele wie das Projekt Harzer Straße in Berlin finden, die im Bestand gebaut wurden (Doug Saunders 'Arrival Cities' wurden schließlich auch nicht neu gebaut). Vielleicht gäbe es auch mehr Projekte wie das Wohnzimmer in Augsburg oder das Kitchen-Hub in Berlin, an denen die Migranten aktiv mitwirken konnten (auch in den 'Arrival Cities' legen die Migranten selber Hand an – nicht immer unter einfachen Bedingungen, aber mit dem Effekt, dass man sich die Fremde zur Heimat macht). Vielleicht gäbe es auch mehr Projekte, die in den städtischen Kontext integriert sind, denn die Bewohner der 'Arrival Cities' sind darauf angewiesen, ihren Alltag fußläufig bewältigen zu können.


Aber für mehr dieser Projekte ist es noch nicht zu spät, denn 'Making Heimat' soll im Laufe der kommenden Monate um neue Projekte ergänzt werden. Wir sind gespannt!

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