Wir bauen um! Vom Umbau der Gesellschaft und seiner baukulturellen Bedeutung, Artikel in Die KOMMUNALE Zeitung von Tim Rieniets

Im politischen Sprachgebrauch hat seit einiger Zeit die Metapher vom Umbau der Gesellschaft einen festen Platz eingenommen. Eine Metapher, die offenkundig dem Bauwesen entlehnt ist, denn hört man das Wort Umbau, denkt man zu allererst an Häuser – an Häuser, die nicht mehr den Anforderungen entsprechen und darum durch bauliche Maßnahmen angepasst werden müssen. Das ist kein Zufall, spiegelt diese Metapher doch ein ganz bestimmtes Gesellschaftsbild wieder: Man soll sich die Gesellschaft als ein Haus vorstellen, in dem alle Bauteile ihre besondere Funktion haben und zu einem sinnvollen und tragfähigen Ganzen gefügt sind. Und wenn es seinen Zweck nicht mehr erfüllt, dann muss eben umgebaute werden, und zwar mit großer Sorgfalt und Sachkenntnis. Darum verwundert es nicht, dass manch großer Politiker mit der Bezeichnung „Architekt“ geadelt wurde (z.B. Architekt der Deutschen Einheit, Architekt der Europäischen Union etc.).

Der Umbau der Gesellschaft ist aber nicht nur eine Metapher, er kann auch wortwörtliche Realität sein. Das weiß man nirgendwo besser als in Nordrhein-Westfalen, wo der Strukturwandel der vergangenen Jahrzehnte nicht nur große Veränderungen im Arbeits- und Sozialleben der Menschen, sondern auch in der gebauten Umwelt forderte. Die Internationale Bauausstellung IBA Emscher Park, die in den 1990er Jahren im Ruhrgebiet durchgeführt wurde, hat den Zusammenhang zwischen Strukturwandel und baulichem Wandel in vorbildlicher und Weise praktiziert: Alte Industriegebäude, Brachen oder Arbeitersiedlungen, denen kaum jemand eine Zukunft, oder gar einen baukulturellen Wert attestiert hätte, wurden saniert, umgebaut und umgenutzt. Auf diese Weise wurde der Region die einmalige Chance gegeben, sich mit ihrer ungeliebten Vergangenheit zu versöhnen und ein neues Identitätsgefühl aufzubauen. Die Erfolgsgeschichte der IBA Emscher Park zeigt, dass es also durchaus sinnvoll ist, den Umbau der Gesellschaft nicht nur sinnbildlich zu verstehen, sondern auch wörtlich. Denn indem die baulichen Zeugnisse der Montanindustrie zum Positiven verändert wurden, mussten die Menschen den Strukturwandel nicht nur als Verlust empfinden, sondern konnten ihn auch als Gewinn erleben.

Der Strukturwandel ist zwar noch lange nicht abgeschlossen, aber wenn heute vom Umbau der Gesellschaft die Rede ist, dann ist etwas anderes gemeint. Es geht nicht mehr um Werksschließungen und Arbeitslosigkeit im Ruhrgebiet anderswo, sondern um die Herausforderungen des Klimawandels und der sozialen und demografischen Entwicklungen. Und für diese Themen eignet sich das Bild vom Haus ganz besonders gut: Das Haus der Gesellschaft muss umgebaut werden, damit es gegen extreme Wetterereignisse schützt(Stichwort Klimawandel) und enrgiesparend betrieben werden kann (Stichwort Energieeinsparung), damit es den Bedürfnissen seiner älter werdenden Bewohner entspricht (Stichwort alternde Gesellschaft) und allen ein gerechtes und solidarisches Zusammenleben ermöglicht (Stichwort soziale Gerechtigkeit).

Es besteht also kein Zweifel: Der soziale und ökologische Umbau der Gesellschaft wird zur gebauten Realität. Sie ist sogar schon sichtbar, zum Beispiel in Form von Wärmedämmung und Solarpaneelen, barrierefreien Badezimmern und standardisierten Sozialwohnungen. Es gibt noch viele mehr Beispiele, wie sich der Umbau der Gesellschaft im Umbau von Gebäuden niederschlägt. Aber architektonische Qualität findet man bei diesen Umbaumaßnahmen eher selten – und eine übergreifende Vision, wie sie die IBA Emscher Park für das Ruhrgebiet entwickelt hat schon gar nicht.

Aber warum eigentlich nicht? Wäre es nicht denkbar, dass unsere gebaute Umwelt vom sozial-ökologischen Umbau der Gesellschaft profitieren kann? Könnte der Umbau von Gebäuden und Infrastrukturen nicht abermals dazu beitragen, dass wir uns mit den bevorstehenden Veränderungen besser arrangieren und identifizieren können? Ein Versuch wäre es wert, damit der Umbau der Gesellschaft keine leere Metapher bleibt.

Informationen

Autor:

Tim Rieniets

Herausgeber:

Sozialdemokratische Gemeinschaft für Kommunalpolitik in NRW e.V. (SGK NRW)

Jahr:

2015

Format:

Print-Magazin

Themenfeld:

UmBauKultur