POTT OHNE KOHLE. Das Ruhrgebiet als urbanes Labor für die postfossile Stadt, Artikel in dérive – Zeitschrift für Stadtforschung von Tim Rieniets

Das Ruhrgebiet ist durch und durch ein Geschöpf des fossilen Zeitalters. Seine Urbanisierung wurde gleich in zweifacher Weise von fossiler Energie angetrieben: Wirtschaftliche und demografische Transformationen gingen vom Steinkohlebergbau aus. Sie waren der Auslöser für die Industrialisierung und die damit verbundene Zuwanderung in die Region. Die geografische Ausdehnung, die urbanen Strukturmerkmale, ja sogar die Mentalität und die Sprache des Ruhrgebietes sind nur vor diesem Hintergrund zu verstehen. Maschinell wurde die Urbanisierung des Ruhrgebietes durch Motoren, Öfen, Schmelzwannen und andere Brennstoffgetriebene Anlagen angetrieben. Nur mit Hilfe dieser industriellen Fertigungs- und Transporttechniken und nur mit einem großen Einsatz fossiler Energie konnte die außergewöhnlich schnelle Urbanisierung des Ruhrgebietes baulich bewältigt werden. Schönheit oder Nachhaltigkeit spielte dabei keine Rolle.

Heute ist viel über das Ende des fossilen Zeitalters zu hören, im Ruhrgebiet ist dieses Ende bereits Realität – zumindest was den Rückzug von Kohle und Stahl betrifft. Bereits Mitte der 1950er Jahre ging die Beschäftigung in der Montanindustrie drastisch zurück[1] und seit den 19670er Jahren verliert die Region kontinuierlich an Einwohnern.[2] 2017 wird mit der Schließung der letzten Zeche die Geschichte des Bergbaus im Ruhrgebiet endgültig beendet sein. Zurück bleibt ein urbaner Raum, der wie kaum ein anderer das Resultat des fossilen Zeitalters ist. Und mit ihm bleibt die große Herausforderung, diesen Raum auch in Zukunft mit Leben und mit Bedeutung zu füllen. Mit dieser Herausforderung nimmt das Ruhrgebiet eine Vorreiterrolle ein, denn indem es sich für eine post-fossile Zukunft rüstet, muss es Probleme bewältigen, die anderen Städten und Regionen erst noch bevorstehen.

Schon in den 1990er Jahren hat die IBA Emscher Park den Abschied von der Montanindustrie zelebriert, in dem sie zahlreiche Industriebauwerke aufwendig instand setzen ließ und mit kulturellen Nachnutzungen ein zweites Leben schenkte. Ihr ist es gelungen, die Menschen im Ruhrgebiet mit ihrer ungeliebten Vergangenheit zu versöhnen. Ein großer Verdienst, den jeder zu schätzen weiß, der im Ruhrgebiet aufgewachsen ist und seither mit mehr Selbstbewusstsein und Stolz über seine Heimat sprechen kann als vorher. Zwar war die IBA Emscher Park überaus erfolgreich darin, ein neues Bewusstsein für die Vergangenheit des Ruhrgebietes zu schaffen, nicht aber für dessen Zukunft. Denn diese liegt gewiss nicht in der Musealisierung seiner fossilen Geschichte. Die IBA konnte auch keine Vision für die urbane Entwicklung des Ruhrgebietes liefern. Sie konnte nur punktuell wirksam sein und meistens haben die Wohngebiete, die in unmittelbarer Nachbarschaft populärer Industriedenkmale liegen, nicht profitieren können.

Auch die Kulturhauptstadt RUHR.2010 konnte – bei allem Erfolg als städteübergreifendes Kulturereignis – keine ausreichenden Impulse für die zukünftige Entwicklung der Region setzen. Der Appell „Metropole Gestalten“ ist nicht weit genug zur Bevölkerung durchgedrungen und auch nicht zu den 53 Kommunen des Ruhrgebietes, die diesen Appell maßgeblich umsetzen müssten. Auch die Unterstützung der Kreativwirtschaft, der sich die Kulturhauptstadt unter dem Motto „Stadt der Kreativität“ verschrieben hat, dürfte nicht die positiven Effekte auf Wirtschaft und Urbanität haben, die man sich erhofft hat. Man kann davon ausgehen, dass die Kreativwirtschaft im Ruhrgebiet nicht den selben Stellenwert erreichen wird wie in anderen Metropolen. Zwar ist die Kreativwirtschaft auch hier ein Wachstumsmarkt, aber was die wirtschaftlichen Rahmendaten angeht, liegt sie hinter dem Durchschnitt.[3] Auch kann das kreative Milieu des Ruhrgebiets nicht in gleichem Maße positive urbane Effekte entfalten, wie beispielsweise in Hamburg, München oder Berlin, weil es räumlich weniger konzentriert ist. Das zeigt einmal mehr, dass das Ruhrgebiet nicht für die glamourösen Leitbilder des internationalen Städtewettbewerbs geeignet ist. Zu verschieden sind die Voraussetzungen zwischen den großen Metropolen dieser Welt und der polyzentralen Stadtlandschaft an der Ruhr. Warum also nicht über Leitbilder nachdenken, die nicht dem Mainstream des internationalen Stadtmarketing entsprechen, sondern den eigenen Voraussetzungen und Bedürfnissen nachspüren?[4]

Das Ruhrgebiet als postfossile Stadtlandschaft

Ein solches Leitbild könnte sein, dass sich das Ruhrgebiet aktiv von einer fossilen zu einer post-fossilen Stadtlandschaft wandelt. Den Abschied von der montanindustriellen Vergangenheit hat die IBA Emscher Park bereits eingeläutet. Nun geht es darum, den Aufbruch in ein post-fossiles Zeitalter zu gestalten. Und wo sonst könnten solche Bemühungen glaubhafter sein als im Ruhrgebiet, wo Kohle und Stahl einen riesigen städtischen Ballungsraum entstehen ließ, mit all seinen ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Problemen. Das Ruhrgebiet als urbanes Labor für die post-fossile Stadt!

Zugegeben: Ausgerechnet dort an der post-fossilen Stadt zu arbeiten, wo der Kohlestaub noch an mancher Fassade klebt und wo der Strukturwandel noch lange nicht abgeschlossen ist, wäre eine geradezu heroische Herausforderung – aber dennoch glaubwürdiger als alle anderen Leitbilder, die dem Ruhrgebiet in den vergangenen Jahrzehnten verordnet wurden. Und bei näherem Hinsehen wird deutlich, dass das Leitbild einer post-fossilen Stadt gar nicht so weit von dem entfernt ist, was das Ruhrgebiet ohnehin zu bewältigen hat: Die Folgen seiner fossilen Geschichte. Diese werden bloß nicht als solche bezeichnet, sondern werden ganz allgemein und weniger treffend unter dem Begriff „Strukturwandel“ verbucht.

Da ist zum Beispiel der demografische Wandel. Dieser vollzieht sich zwar auch in anderen Regionen, aber nur in wenigen Regionen so schnell wie im Ruhrgebiet. Grund dafür ist, dass das Ruhrgebiet im Zuge ihrer Industrialisierung schneller gewachsen ist und nun – als Folge ihrer Deindustrialisierung – auch schneller wieder schrumpft. Darum ist die Bevölkerung zwischen Duisburg und Dortmund heute überdurchschnittlich alt und hat in bestimmten Stadtgebieten einen überdurchschnittlich großen Anteil mit Migrationshintergrund.[5] Außerdem ist sie stärker von Abwanderung, Arbeitslosigkeit und Armutsrisiko betroffen als anderswo.

So hat der Rückgang der Montanindustrie nicht nur riesige Industriebrachen im städtischen Gewebe der Region hinterlassen, sondern auch zunehmende Leerstandszahlen bei nicht industriell genutzten Immobilien. Beklagt werden vor allem die wachsenden Wohnungsüberhänge[6] und die Zunahme von Schrottimmobilien.[7] Aber auch Bürogebäude, Einzelhandelsflächen, Warenhäuser und Kirchen[8] stehen in großen Zahlen leer. Ganz zu schweigen von den Infrastrukturen, die für eine größere Auslastung gebaut wurden und heute nur mit Mühe und Not instand gehalten werden können.

Neben den Leerständen trägt auch die soziale und funktionale Entmischung trägt zur Verödung ganzer Quartiere bei. Und auch diese Entwicklung ist auf die karbone Urbanisierungsgeschichte des Ruhrgebietes zurückzuführen. Am Anfang dieser Geschichte stand die Ansiedlung großer Industrieanlagen: zuerst die Zechen, dann die Stahlhütten und andere Anlagen. Sie bildeten die Ausgangspunkte für die weitere Urbanisierung, die sich nicht in zusammenhängenden, großstädtischen Dimensionen vollzog, sondern eher kleinräumig und in unmittelbarer Nähe zu den großen Arbeitgebern stattfand. Diese enge Verbindung aus Industrie und kleinteiligen Siedlungsstrukturen bildete für lange Zeit den räumlichen und sozialen Bezugsrahmen für viele BewohnerInnen des Ruhrgebietes.


Mit dem Rückgang der Montanindustrie löste sich die räumliche Bindung zwischen Alltagsleben und industrieller Erwerbstätigkeit. Ein Arbeitsplatz in unmittelbarer Nähe zum Wohnort ist heute die Ausnahme,[9] aber die kleinräumigen Stadtstrukturen sind geblieben. Diese Kleinräumigkeit hat zur Folge, dass manche Potenziale des Reviers nicht ausgeschöpft werden können. Das Angebot besonderer Güter oder Dienstleistungen ist nur wirtschaftlich, wenn genügend Nachfrage und Kaufkraft an einem Ort  vorhanden sind. So ist zu erklären, warum Städte im Ruhrgebiet häufig ein schlechteres Angebot an Konsumgütern und Dienstleistungen vorweisen können, als andere Städte.[10] Und in gleicher Weise ist zu erklären, warum in den Städten des Ruhrgebietes nur wenige Orte mit urbaner Ausstrahlungskraft zu finden sind. Städtische Dichte und Diversität, die gemeinhin als urban erlebt werden, sind im Ruhrgebiet die Ausnahme. Nicht, weil es die Diversität an Menschen und Aktivitäten nicht gibt, sondern weil sie auf die verschiedene Teilräume verstreut sind.

Diese räumliche Entwicklung, gepaart mit dem demografischen Wandel, hat in jüngster Vergangenheit auch dazu geführt, dass die Segregation der Wohnbevölkerung besorgniserregende Ausmaße angenommen hat. Während die mobilen Mittelschichten an die Ränder des Ruhrgebietes ziehen – insbesondere in die landschaftlich und baulich attraktiven Gebiete im südlichen Ruhrgebiet – konzentriert sich in anderen Gebieten Armut und Arbeitslosigkeit.[11] Diesen gravierenden Problemen stehen die finanziellen Nöte der Ruhrgebietsstädte gegenüber. Und selbst sie können als Folge der fossilen Stadtentwicklung gedeutet werden. Denn die Ursachen für die hiesigen Finanznöte sind überwiegend auf die überdurchschnittlich hohen Sozialausgaben, teuren Infrastrukturen und niedrigen Steuereinnahmen zurückzuführen – alles Gründe, die auch für andere altindustrielle Regionen typisch sind und aus eigener Kraft kaum bewältigt werden können.[12]

Die postfossile Stadt ist mehr als eine technologische Herausforderung

Sich die postfossile Stadt zum Leitbild zu machen wäre also kein Luxus, sondern hieße, sich mit den drängendsten Problemen des Ruhrgebietes zu befassen: mit Leerständen, Brachflächen, veralteten Infrastrukturen und segregierten Wohngebieten. Denn auf die eine oder andere Art haben alle diese Probleme ihren Ursprung in der fossilen Stadt. Aber der populäre Diskurs über die post-fossile Stadt befasst sich nicht mit diesen Problemen, sondern dreht sich stattdessen um die energetische Optimierung der gebauten Umwelt. Architekten, Ingenieure und Hersteller arbeiten intensiv daran, den Energiebedarf von Gebäuden und Infrastrukturen zu senken, Wärmeemissionen zu reduzieren und ressourcenschonende Technologien und Materialien zu entwickeln. In kürzester Zeit hat sich eine ganze Industrie um diesen Markt gebildet, mit einem erheblichen Volumen an Aufträgen, Forschungsgeldern und Arbeitsplätzen.

Diese Industrie produziert nicht nur klimafreundliche Bauwerke und Infrastrukturen, sie produziert auch den Glauben daran, dass wir unsere Umweltprobleme durch technische Innovationen in den Griff bekommen können. Durch Umstellung der Bauwirtschaft auf nachhaltige Technologien („Green Economy“) soll es möglich sein, die Umwelt zu entlasten, ohne auf die Annehmlichkeiten unseres gegenwärtigen Lebensstils verzichten zu müssen und ohne die Maxime des Wirtschaftswachstums in Frage zu stellen. Denn durch die Umstellung auf nachhaltige Technologien, so die Hoffnung, könne man nicht nur die Umwelt schonen, sondern auch noch neue Wachstumsmärkte erschließen.

Es sind Zweifel erlaubt, ob wir die Probleme, die das stürmische Wachstum des fossilen Zeitalters mit sich gebracht hat, durch ein „anderes“ Wachstum lösen können. Was bringen moderne Technologien wirklich, wenn wir immer häufiger von ihnen gebrauch machen? Welches Einsparpotenzial haben Wärmedämmung und moderne Heizungstechnik, wenn wir immer mehr Wohnraum pro Person heizen müssen? Welchen Sinn haben energiesparende Transportmittel, wenn ihre Nutzer lange Strecken durchs Ruhrgebiet pendeln müssen? Zu guter Letzt stellt sich noch die Frage, wie die Energiebilanz all dieser Maßnahmen ausfiele, wenn man nicht nur die Einsparungen bei den Betriebsenergien berücksichtigte, sondern auch den zusätzlichen Energieaufwand, der für Herstellung schließlich auch für die Entsorgung all dieser Maßnahmen erforderlich ist? Mit neuen Technologien und neuen Baumaßnahmen alleine kann der Übergang von der fossilen zur postfossilen Stadt nicht gelingen. Es müssten noch andere Maßnahmen ergriffen werden, um das ehrgeizige Ziel zu erreichen. Und genau da könnte das Ruhrgebiet auf seine Stärken zurückgreifen.

Von den alten Tugenden des Ruhrgebietes lernen

Das Ruhrgebiet könnte sich zum Beispiel auf seine kleinteiligen Siedlungsstrukturen zurückbesinnen, die für lange Zeit ein Alltagsleben ohne motorisierte Mobilität möglich machten. Voraussetzung dafür ist, dass in diesen Siedlungsstrukturen wieder eine kleinteilige und funktionale Mischung aufgebaut wird, die es mehr Menschen erlaubt, den Alltag auf kleinem Raum zu bewältigen. Auf diese Weise würde man nicht nur Pendlerbewegungen und folglich auch fossile Energie einsparen, man würde auch etwas von der lange verlorenen Urbanität in die Quartiere zurückholen. Außerdem könnte mit weniger mobilen Bevölkerungsschichten (Alte und Arme) mehr Lebensqualität geboten werden.

Das Ruhrgebiet könnte sich auch wieder auf seine Fähigkeit zur selbstorganisierten Daseinsfürsorge besinnen. Das beste Beispiel sind die vielen Nutzgärten, mit denen das Arbeitermilieu noch bis in die 1960er Jahre die eigene Nahrungsmittelversorgung durch Gartenbau und Nutztierhaltung ergänzte. Wo andere Metropolen unter den Begriffen „Urban Gardening“ und „Urban Agriculture“ nach neuen Formen eines urbanen und ökologisch nachhaltigen Lebensstiles suchen, könnte das Ruhrgebiet an seine alten Tradition anknüpfen und auf entsprechende Räume zurückgreifen: auf Arbeitergärten, Schrebergärten und Grabeland. Auch bauliche Tätigkeiten oder das Reparieren von Autos – für den eigenen Bedarf oder als Nachbarschaftshilfe – sind alte Tugenden des Ruhrgebietes. Sie dienten nicht nur zur Wertschöpfung jenseits der formellen Erwerbstätigkeit. Sie waren auch die Grundlage für nachbarschaftliche Solidarität und für das örtliche Identitätsgefühl. Auch hier könnte das Ruhrgebiet etwas Eigenes leisten, was anderenorts unter dem Begriff „Post-Wachstums-Ökonomien“ diskutiert und in Form von Repair-Cafés, FabLabs oder Tauschbörsen Gestalt annimmt.

Der bauliche Bestand als Ressource

Besonders großes Potenzial für die post-fossile Stadtentwicklung liegt aber naturgemäß im Bauwesen, und zwar nicht nur in der technologischen Optimierung von Gebäuden und Infrastrukturen. Wer es ernst meint mit der post-fossilen Stadt, der kann sich nicht nur auf Einsparungen bei der Betriebsenergie von Gebäuden und Infrastrukturen beschränken, sondern muss das gesamte Bauwesen und dessen energetische und metabolischen Einsparpotenziale in den Blick nehmen. Alleine die Herstellung von so alltäglichen Baustoffen wie Ziegel, Glas, Metalle oder Beton ist überaus energieintensiv. Nicht zu vergessen die Energie, die für den Transport, die Verarbeitung und schließlich auch für die Entsorgung riesiger Mengen von Baustoffen erforderlich ist.[13] Diese Graue Energie,[14] schlummert in jedem Gebäude und in jedem Bauteil. Durch jeden Abriss geht diese Energie unwiederbringlich verloren und durch jeden Neubau muss sie erneut aufgebracht werden.[15] Folglich muss es einer post-fossilen Stadtentwicklung darum gehen, die enormen Stoffströme der Bauindustrie zu reduzieren und die Lebensdauer von Gebäuden und Bauteilen zu erhöhen. Durch Sanierung und Weiterentwicklung von Bestandsgebäuden könnte der Energiebedarf erheblich gesenkt werden. Auch der Rohstoffbedarf der Bauindustrie könnte um bis zu einem Drittel sinken.[16]

Das wäre eine Aufgabe, die uns nicht nur vor technische, sondern auch vor architektonische und ästhetische Herausforderung stellen würde. Denn im Zentrum des architektonischen Schaffens stünde dann nicht mehr der voraussetzungslose Neubau, wie ihn die Moderne im letzten Jahrhundert predigte, sondern Umnutzung, Umbau und Wiederverwertung. Es müssten Konzepte gefunden werden, wie scheinbar wertlose Bausubstanz wieder in Wert gesetzt[17] oder wie gebrauchte Baustoffe einen neuen Nutzen finden kann, wie leerstehende Kirchen[18] und Kaufhäuser[19] umgenutzt oder veraltete Siedlungsstrukturen modernisiert werden können. Es müsste ein neues baukulturelles Selbstverständnis entstehen, eine „Umbaukultur“,[20] die den baulichen Bestand als energetische, historische und ästhetische Ressource betrachtet.

Das Ruhrgebiet ist noch nie besonders sorgsam mit seinen baulichen Beständen umgegangen. Hier saugt man schon mit der Muttermilch ein, dass das Ruhrgebiet eigentlich hässlich sei und dass das Neue eigentlich nicht schlechter sein könne als das Alte. Die IBA Emscher Park hat hier bereits ein Umdenken angestoßen. Auf dem Weg zur post-fossilen Stadt müsste das Ruhrgebiet die gleiche Sorgsamkeit im Umgang mit seinen Alltagsbeständen üben, wie es das seit der IBA mit seinen Industriedenkmälern pflegt – auch mit der ungeliebten Architektur der Nachkriegszeit. Hier könnte das Ruhrgebiet zeigen, wie seine Zukunft aussehen könnte, ohne seine Vergangenheit zu verschweigen.

Diese Vergangenheit begann vor ungefähr 150 Jahren mit der Verbreitung des industriellen Bergbaus und der Stahlindustrie. Die rasante Urbanisierung der Region war die logische Folge und wurde durch das demografische und wirtschaftliche Wachstum gespeist. Damals war das Ruhrgebiet schneller und fortschrittlicher als die Anderen, bis diese Wachstumsgeschichte vor 50 Jahren ihren Höhepunkt erreichte. Seither sind Kohle und Stahl auf dem Rückzug und mit ihnen die demografischen und wirtschaftlichen Treibkräfte der Urbanisierung.

Aber in jeder Krise liegt auch Innovationspotenzial. Im Ruhrgebiet hat man sich allerdings lange – zu lange – an der Vergangenheit festgehalten anstatt sich diesem Innovationspotenzial zuzuwenden. Das gilt nicht nur für die Entwicklung post-fossiler Wirtschaftsstrukturen, sondern auch für eine post-fossile Stadtentwicklung: Eine Stadtentwicklung, die weniger auf den Eintrag neuer Ressourcen setzt (z.B. auf Energie, Rohstoffe, Kapital), sondern mehr auf die vorhandenen Ressourcen vor Ort und die Fähigkeiten der Menschen (z.B. auf die baulichen Bestände, auf die Fähigkeit zur Selbstorganisation, Improvisationstalent, Nachbarschaftlichkeit usw.). Hier könnte das Ruhrgebiet abermals fortschrittlicher sein als die Anderen, denn auch sie werden irgendwann von der fossilen Stadtentwicklung Abstand nehmen müssen.

Literatur

Beste, Jörg: Kirchen Geben Raum – Empfehlungen zur Neunutzung von Kirchengebäuden. StadtBauKultur NRW, Gelsenkirchen, 2014
Bogumil, Jörg et.al: Viel erreicht, wenig gewonnen. Ein realistischer Blick auf das Ruhrgebiet. Klartext Verlag, Essen, 2012
Junker, Rolf und Pump-Uhlmann-Holger: Neueröffnung nach Umbau – Konzepte für Umbau und Umnutzung von Warenhäusern und Einkaufscentern. StadtBauKultur NRW, Gelsenkirchen, vrs. 2015
Metropole Ruhr: Regionalkunde Ruhrgebiet, http://www.ruhrgebiet-regionalkunde.de
Reicher, Christa et. Al: Schichten einer Region. Kartenstücke zur räumlichen Struktur des Ruhrgebietes. Jovis Verlag, Berlin, 2011
Regionalverband Ruhr (RVR): Statistik-Service und Raumbeobachtung, http://www.metropoleruhr.de/regionalverband-ruhr/statistik-analysen.html
Spars, Guido und Busch, Roland: Gründerzeit – Sanierung und Neunutzung von Problemimmobilien durch urbane Pioniere. StadtBauKultur NRW, Gelsenkirchen, 2015
STATDart: Kultur- und Kreativwirtschaft im Ruhrgebiet auf Wachstumskurs, http://www.stadtart.com/
Stadt Duisburg: Wohbericht 2011, http://www.duisburg.de
Umweltbundesamt: Verbesserung von Rohstoffproduktivität und Ressourcenschonung, www.umweltbundesamt.de

[1] Zwischen 1960 und 2001 haben sich die Beschäftigten im Bergbau auf gut ein Zehntel (49.000, d.h. 12,6 %) des Bestandes von 1960 (390.000), die Fördermengen auf fast ein Sechstel (1960: 115,4 Mio. t.; 2001: 20,0 Mio. t) reduziert (Quelle: Metropoe Ruhr)

[2] Bezogen auf des Gebiet des Regionalverband Ruhr (RVR) erreichte die Bevölkerungsentwicklung im Ruhrgebiet ihren Höhepunkt 1961 mit 6,67 Millionen Einwohnern. Bis 2013 ist die Bevölkerung um -24% auf 5,05 Millionen zurückgegangen. Bis 2030 wird ein Rückgang um weitere -6% auf 4,75 Millionen prognostiziert (Quelle: RVR)

[3] Im Ruhrgebiet waren 2008 3,3% aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Kunst- und Kreativwirtschaft tätig (NRW: 3,9%). Der Umsatz betrug 8,2 Mrd. Euro (NRW: 46,3 Mrd Euro), was einem Anteil von 2,4% am Umsatz aller Branchen entsprach. Auch die Wachstumsraten sind insgesamt unterdurchschnittlich (Quelle: STATDart)

[4] Vgl. Bogumil, Jörg et.al, S. 36

[5] Der Anteil der über 65jährigen an der Gesamtbevölkerung liegt im Ruhrgebiet (Gebiet des RVR) mit 21,5% über dem Wert des restlichen Bundeslandes (20,5%). Gleiches gilt für den Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund, der mit 11,7% über dem Wert des restlichen Bundeslandes liegt (10,9%) (Quelle: RVR)

[6] In der Stadt Duisburg standen Ende 2010 14.000 Wohnungen (5,3%) von 263.000 Wohnungen leer. Ähnlich hoch sind die Wohnungsüberhänge insbesondere in Gelsenkirchen und Herne (Quelle: Stadt Duisburg)

[7] In der Stadt Herne wurden im Rahmen der Katastererstellung ca. 65 verwahrloste Gebäude erfasst. Flächendeckende, systematische Erhebungen zu Schrottimmobilien existieren nicht (Quelle: Spars, Guido und Busch, Roland)

[8] Da Kirchengebäude von den jeweiligen kirchlichen Trägern verwaltet werden, sind keine, alle Kirchengebäude umfassenden Erhebungen verfügbar. In Bochum und Gelsenkirchen wurden stattdessen eigene Kirchenschließungskataster angefertigt. In Bochum sind von 88 Kirchen (Stand 2006) heute 24 Schließungen vollzogenen oder geplanten. In Gelsenkirchen sind von 63 Kirchen (Stand 2006) 18 Kirchen von der Schließung betroffen (Quelle: Beste, Jörg)

[9] Über die hälfte aller Arbeitstätigen im Ruhrgebiet pendelt zu Arbeitsorten außerhalb ihres Wohnortes (Quelle: RVR)

[10] Vgl. Bogumil, Jörg et.al, S. 16 ff.

[11] Der Anteil nicht-deutscher Bevölkerung und der Anteil von Hartz VI-Empfängern ist in den Städten des Ruhrgebietes überdurchschnittlich hoch und überdurchschnittlich ungleich verteilt: Beispiel Dortmund: Hier schwankt der Anteil nicht-deutscher Bevölkerung sowie der Anteil von Hartz VI-Empfängern je nach Wohnlage zwischen 10% und 50%. Das ist eine größere Schwankung, als sie im Vergleich aller deutscher Großstädte zu finden ist (Quelle: Bogumil, Jörg et.al)

[12] Bogumil, Jörg et.al, S. 34

[13] In der Bundesrepublik werden jährlich rund 675 Millionen Tonnen Baustoffe verbaut und über 200 Millionen Tonnen Bauschutt produziert.

[14] Graue Energie ist die gesamte Menge nicht erneuerbarer Primärenergie, die für alle vorgelagerten Prozesse, vom Rohstoffabbau über die Herstellungs- und Verarbeitungsprozesse sowie für die Entsorgung und der dazu notwendigen Transporte erforderlich ist.

[15] Die graue Energie eines Bauwerkes durchschnittlicher technischen Ausstattung entspricht etwa 20 Betriebsjahren (Quelle: SIA).

[16] Umweltbundesamt 2008

[17] Vgl. Spars, Guido und Busch, Roland

[18] Vgl. Beste, Jörg

[19] Vgl. Junker, Rolf und Pump-Uhlmann, Holger

[20] „UmBauKultur. Häuser von gestern für die Stadt von morgen“ ist der Titel eines Handlungsfeldes der Landesinitiative StadtBauKultur NRW 2020. In diesem Handlungsfeld initiiert und unterstützt StadtBauKultur NRW Projekte, die sich mit den baukulturellen Potentialen des Umbauens befassen.

Informationen

Autor:

Tim Rieniets

Herausgeber:

dérive - Zeitschrift für Stadtforschung

Jahr:

2015

Format:

Print-Magazin

Themenfeld:

UmBauKultur