"Bilder der Stadt", Einführungsvortrag zur Ausstellung des Europäischen Architekturfotografie-Preises

Ich freue mich, dass ich diesen nachbarschaftlichen Dienst leisten kann. Denn ich fühle mich heute in zweifacher Weise als Nachbar: Zum einen bin ich ein Nachbar im eigentlichen Sinne des Wortes, denn die Landesinitiative StadtBauKultur NRW 2020 liegt nur wenige Gehminuten von hier entfernt. Zum anderen fühle ich mich als Nachbar im beruflichen Sinne. Ich habe Architektur studiert und viele Jahre im Bereich Architektur und Städtebau gearbeitet. Und wie ich in diesem Einführungsvortrag darlegen möchte, haben Architektur und Städtebau einerseits und die Fotografie andererseits ein nachbarschaftliches, ja ein geradezu verwandtschaftliches Verhältnis.

Aber lassen Sie mich zunächst mit einer ganz allgemeinen Anmerkung zu dem hier ausgestellten Architekturfotografie-Preis beginnen: Genau genommen geht es in den meisten Beiträgen, die hier ausgestellt sind, nicht um Architektur im engeren Sinne, sondern es geht um Stadt. Und wenn ich Stadt sage, dann meine ich damit nicht nur eine Ansammlung von Menschen, Gebäuden und Infrastrukturen, die wir gemeinhin als Stadt bezeichnen. Wenn sich Stadt sage, dann meine ich damit eine ganz besondere Form des Zusammenlebens, und ich meine damit die vielfältigen Erscheinungsformen, die dieses Zusammenleben annehmen kann. Genau das ist es, was die viele Beiträge dieser Ausstellung zeigen.

Darum tue ich den Teilnehmern und den Ausrichtern dieses Wettbewerbes sicherlich nicht unrecht, wenn ich behaupte, dass man diesen Preis für Architekturfotografie auch genau so gut Preis für Stadtfotografie hätte nennen können. Und diese Feststellung ist es, die diese Ausstellung aus meiner Perspektive - also aus der Perspektive der Baukultur - so interessant macht. Denn Baukultur ist immer auch Bildkultur, und Bildkultur ist immer auch Baukultur. Oder um es direkter und weniger gleichnishaft auszudrücken: Stadt und Fotografie sind in ihrer Entstehung und ihrer Bedeutung auf des Engste  miteinander verbunden.

Schon ein Blick auf die Entstehungsgeschichte der Fotografie lässt diese Verbundenheit zwischen Stadt und Fotografie offensichtlich werden. Wissen Sie, wie die ersten Fotografien aussehen, die uns aus den 20er und 30er Jahren des 19. Jahrhunderts überliefert sind? Die ersten überlieferten Motive aus der Geschichte der Fotografie sind: Stadtansichten. Es sind keine gewöhnlichen Stadtansichten, keine sorgsam gewählten Bildausschnitte und keine wohlkomponierten Bildgegenstände. Es handelt sich um Vogelperspektiven, die eher zufällig auf die jeweilige Stadt herabzuschauen scheinen. Und noch etwas lässt diese Bilder eigentümlich entrückt wirken: Die Bildausschnitte wirken wie eingefroren, zeigen reglose Dächer, Fassaden und Straßen,  aber kein Anzeichen von Bewegung.

Die Erklärung für die Wahl und die Art dieser Bildmotive ist recht einfach: Diese ersten Fotografien mussten mit großem Aufwand und mit geringen technischen Möglichkeiten hergestellt werden: Die Fotografen mussten lichtempfindliche Platten herstellen und diese über mehrere Stunden lang mit einer einfachen Camera Obscura belichten. Den Pionieren ging es also zunächst gar nicht darum, künstlerisch hochwertige Bilder zu schaffen. Es ging ihnen zuallererst darum, ihre neuartige Technik zu erproben und weiter zu verbessern. Und dafür war es nahliegend, den aufwendigen Prozess des Fotografierens zunächst im eigenen Atelier durchzuführen. Hier konnten sie die unhandlichen Kameras aufstellen und richteten das Objektiv aus dem nächstgelegenen Fenster; sie bereiteten die Platten vor; sie legten die Platte in die Kamera ein; sie öffneten die Blende und verließen den Raum, damit die Platten ungestört belichtet werden konnten. Nach mehrstündiger Belichtung wurden die Platten in einem chemischen Verfahren entwickelt, um dann in einem Druckverfahren die Bilder herstellen zu können.

Dieser Geburtsmoment der Fotografie war also eine durch und durch häusliche Angelegenheit. Der gesamte Fotoprozess, von der Herstellung der Platte bis zum Fotoabzug, waren so aufwendig und unbeweglich, dass sie an das Haus des Fotografen gebunden waren. Die Fotografie wurde gewissermaßen aus der Stadt heraus geboren. Denn in diesem Geburtsmoment der Fotografie war die Stadt beides: Apparat und Motiv. Erst mit der Entwicklung transportabler Fototechnik konnten die Fotopioniere ihre Ateliers verlassen und damit die Fotografie von der Stadt emanzipieren.

Aber kommen wir zurück zu der engen Bindung zwischen Fotografie und Stadt. Diese Binding ergab sich nämlich nicht nur durch die eben geschilderte Unbeweglichkeit der frühen Fototechnik, durch welche die frühen Fotopioniere an ihre Ateliers gebunden waren. Die Stadt bot noch einige anderer Voraussetzungen, die für die Entstehung der Fotografie unerlässlich waren: Der technische Erfindergeist und die künstlerische Kreativität, denen die Fotografie entsprang, waren typische Attribute der Stadt. DieDunkelkammern, Labore, Optiker und anderer technische Infrastrukturen waren ebenfalls in der Stadt zu finden. Auch das gebildete Publikum, das der Fotografie ihr Interesse schenkte, war freilich ein städtisches Publikum. Und auch die Druckmedien, welche die Fotografie schließlich zu einem Massenmedium werden ließen, waren in Städten ansässig. Kurz: Ohne Stadt wäre die Entwicklung der Fotografie nicht denkbar.

Aber wie sieht es umgekehrt aus? Ist die Stadt in ihrer Genese ebenso auf die Fotografie angewiesen, wie die Fotografie auf die Stadt? Im ersten Moment scheint diese Frage mit einem klaren „Nein“ beantwortet werden zu können. Schließlich existierten Städte schon Jahrtausende vor der Fotografie. Aber in den vergangenen Jahrzehnten ist die Fotografie zu einer so bedeutsamen und allgegenwärtigen Kulturtechnik avanciert, dass  kaum auszuschließen ist, dass nicht auch die Stadtentwicklung von ihr berührt worden ist.

Um Ihnen das vor Augen zu führen, möchte ich einen kleinen Selbstversuch mit Ihnen durchführen: Denken Sie jetzt bitte alle für einen Moment an eine bekannte Stadt – sagen wir zum Beispiel an New York City. –  Ich bin mir sicher, Sie alle haben nun Bilder vor ihrem Inneren Auge. Vielleicht sehen Sie dort die berühmte Skyline von Manhatten; vielleicht sehen Sie die Brooklyn Bridge oder die Freiheitsstatue; vielleicht sehen Sie geschäftige Straßenkreuzungen zwischen den Straßenschlachten oder denken Sie an die typischen gelben Taxis, die allerorten das Stadtbild prägen.

Sie alle haben solche Bilder von New York vor Augen. Aber ich bin mir sicher: nicht alle von Ihnen sind persönlich in New York gewesen. Wie kann das sein? Grund dafür sind die vielen Medien, die uns New York schon hundertfach und tausendfach vor Augen geführt haben: Literatur, Musical, Film und – nicht zu vergessen – die Fotografie. New York ist sicherlich eine der meistfotografierten Städte der Welt. Und weil New York so viel fotografiert wurde, nimmt es einen ganz prominenten Platz in unserem kollektiven Bildergedächtnis ein.

Andere Städte sind da weniger gut vertreten. Hätte ich gefragt, ob Sie sich etwas unter Wanne-Eickel vorstellen können, wäre die Trefferquote wesentlich kleiner gewesen. Aber darum geht es mir auch gar nicht. Es geht mir nur darum zu demonstrieren, dass wir Stadtbilder im Kopf haben. Viele Stadtbilder. Ganz konkrete Stadtbilder – wie die von New York – aber auch ganz diffuse Stadtbilder; schöne Stadtbilder und hässliche Stadtbilder. Bilder aus dem Urlaub, aus der Kindheit, aus dem Alltag und – ja, aus den tausenden und abertausenden Fotografien, die wir in unserem Leben schon gesehen haben.

Und diese Fotos haben Einfluss auf uns. Sie haben Einfluss darauf, wie wir über Städte denken und urteilen, was wir mögen und was wir nicht mögen, was wir interessant oder uninteressant finden. Mit anderen Worten: unser Verständnis und unserer Wertvorstellungen von Stadt werden ganz erheblich von dem geprägt, was wir an Fotografien bewusst oder unbewusst konsumieren.

Und nicht nur unser Verständnis und unserer Wertvorstellungen werden durch die Fotografie geprägt, sondern in letzter Konsequenz auch unsere Handlungen und Entscheidungen. Wohin fahre ich in den Urlaub? Wo dürfen meine Kinder im Dunkeln nicht mehr hingehen? Wo möchte ich gerne leben? Wie soll mein Haus aussehen?

Als Zwischenfazit können wir festhalten, dass Fotografie sehr wohl Einfluss darauf nimmt, wie wir Städte sehen, aber auch darauf, wie wir sie nutzen und verändern. Und darum ist es kein Zufall, dass sich auch Architekten und Planer der Fotografie angenommen haben, um sie für ihre eigenen Zwecke zu nutzen.  Man könnte ein ganz eigenes Kapitel in der Fotografiegeschichte dazu schreiben, wie Architekten und Planer Fotografien dazu benutzt haben, um die Stadt entweder fotografisch zu feiern oder aber um sie fotografisch zu diskreditieren.

Dass sich die Fotografie so gut dafür eignet, die Stadt in gutem wie in schlechtem Licht erscheinen zu lassen, liegt daran, dass Fotografie immer den Anschein erweckt, die Realität wirklichkeitsgetreu abzubilden. Dabei kann Fotografie genauso tendenziös und manipulativ verwendet werden wie andere Bildmedien auch. Nur dass man es ihr nicht immer auf den ersten Blick ansehen kann.

Zwei Beispiele aus der Stadt- und Fotografiegeschichte mögen belegen, wie man mit einem Foto zwei gegensätzliche Aussagen treffen kann. 1964 veröffentlichte der amerikanische Architekt Peter Blake ein Buch mit dem Titel: God’s own junkyard: The Planned Deterioration of America’s Landscape . Auf Deutsch: „Gottes Schrottplatz – die geplante Zerstörung von Amerikas Landschaft“. In diesem Buch zeigte er mit drastischen Fotografien, wie die Industrialisierung, das Automobil und die Reklame die landschaftlichen Qualitäten der Vereinigten Staaten zerstören. Eines dieser Bilder zeigt einen Imbissstand in Las Vegas, der die Form einer Ente hat. Dieses Bild diente ihm als Beleg dafür, wie die Baukultur Amerikas der Banalität und Minderwertigkeit des Massenkonsums geopfert wird.

Acht Jahre später erschien das gleiche Bild in einer anderen, noch weitaus erfolgreicheren Publikation. Diese Publikation trug den Titel  Learning from Las Vegas und stammte aus der Feder der Architekten Denise Scott Brown, Robert Venturi und ihres Assistenten Steven Izenour. In diesem Buch widmeten sich die Autoren der Stadt Las Vegas, die im amerikanischen Bürgertum dieser Zeit einhellig als frivol und kulturlos galt. Es war geradezu eine Provokation ihres Berufsstandes, dass Denise Scott Brown und Robert Venturi in ihrem Buch die These vertraten, Las Vegas sei ein Beispiel einer neuen Baukultur, die es unvoreingenommen zu erforschen und weiter zu entwickeln gelte. Und fast beiläufig taucht wieder der entenförmige Imbissstand auf. Dieses Mal nicht als Beweis für den kulturellen Verfall Amerikas, sondern als Zeichen seiner kulturellen Innovationskraft.

Die Fotografie diente den Architekten und Planern aber nicht nur als Schwert im Kampf der Ideologien. Es erwies sich auch als Mittel zur Neuentdeckung und Neubewertung landschaftlicher und städtischer Räume. Und damit haben wir hier im Ruhrgebiet ganz besondere Erfahrung gemacht. Denn es hat einige Fotografen gegeben – allen voran Hilla und Bernd Becher – ohne deren Fotos das Ruhrgebiet heute vielleicht ganz anders aussehen würde.

Die Rede ist von der Industrielandschaft, die das Image des Ruhrgebiets lange Zeit negativ geprägt hat. Ich selber stamme aus dem Ruhrgebiet und kann mich gut daran erinnern, wie ungeliebt die Industrieanlagen während meiner Kindheit waren. Sie galten als hässlich, schmutzig und gefährlich. Und sie waren ein Synonym für harte Arbeit und schlimmer noch: für Arbeitslosigkeit. Das waren keine Orte, die man stolz vorzeigte. Ich habe mir damals genau überlegt, ob ich außerhalb des Ruhrgebiets meine Herkunft preisgab oder sie besser verschwieg, um mir das Mitleid und die Vorurteile der anderen zu ersparen.

Aber da waren diese Fotografien der Bechers, die mit geradezu wissenschaftlicher Akribie die Monumente der Montanindustrie dokumentierten. Sie alle kennen diese Bilder: Immer schwarz-weiß, immer Zentralperspektive und im Zentrum ein Kühlturm oder ein Gasometer oder ein Hochofen. In diesen Bildern erhielten diese Bauwerke, denen man bisher keinerlei architektonischen oder denkmalpflegerischen Wert zugstanden hatte, eine Würde und eine Aura, für die man zuvor blind gewesen war. Und darum glaube ich, dass der Erfolg der IBA-Emscherpark, der wir den Erhalt so vieler beeindruckender Industriebauten und Arbeitersiedlungen im Ruhrgebiet verdanken, auch ein Verdienst der Bechers und anderer Fotografen war, weil sie die Basis für eine Neuentdeckung der Industrielandschaft geschaffen hatten.

Für mich ist das ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass Fotografie durchaus Einfluss haben kann auf die Entwicklung unserer Städte. Aber die Entwicklung ist noch weiter gegangen: Wenn Sie heute die Präsentationen von Stadtplanern sehen, dann wird Ihnen auffallen, dass die Entwürfe nicht nur plangrafisch dargestellt werden, sondern auch durch fotografische Illustrationen. „Wie kann das gehen?“ werden Sie jetzt fragen. „Wie kann ein  Projekt fotografisch dargestellt werden, wenn es noch gar nicht gebaut worden ist?“ Das ist möglich, indem man moderne Bildverarbeitungsprogramme am Computer verwendet. Mit ihrer Hilfe ist es möglich, architektonische oder städtebauliche Entwürfe zu visualisieren, so dass sie einer Fotografie zum verwechseln ähnlich sind. Es gibt heute Fachleute, die nichts anderes tun, als solche Visualisierungen zu produzieren. Und diese Dienstleistungen sind gefragt, denn gute Visualisierungen gelten heute als Voraussetzung, um als Architekt oder Stadtplaner erfolgreich an Wettbewerben teilnehmen zu können.

Die Fotografie hat sich in jüngster Geschichte derart unserer Wertvorstellungen bemächtigt, dass eine Sache offenbar erst dann als gut und glaubhaft gilt, wenn sie fotografisch dargestellt wird.  Auch dann, wenn diese Sache selbst noch gar nicht existiert, sondern mittels Computertechnik eine virtuelle Existenz erhält. Architekten und Stadtplaner warten heute nicht mehr darauf, dass ihre Projekte gebaut und anschließend fotografiert werden. Sie nehmen das gleich selber in die Hand und visualisieren ihr Projekt, bevor es ein Fotograf jemals vor die Linse bekommt.

Und nicht wenige Architekten und Planer verwenden diese Visualisierungen auch dazu, ihre Projekte ästhetisch zu kontrollieren und zu bearbeiten. Die fotografische Darstellung dient hier also nicht mehr der Dokumentation eines Entwurfes, sondern sie dient dem Entwerfen selbst. Und bei dieser Art des Entwerfens greifen die Architekten und Planer ganz zwangsläufig und ganz intuitiv auf all die Bilder zurück, die sie in ihrem Gedächtnis haben – also auch auf all die Bilder, die sie in Form von Fotografien bereit konsumiert haben.

Hier schließt sich also der Kreis, der im frühen 19. Jahrhundert seinen Anfang nahm, als die Fotografie gewissermaßen aus der Stadt heraus geboren wurde. Heute, im Zeitalter von Handy-Fotografie und digitaler Bildverarbeitung, wird die Stadt mehr und mehr aus der Fotografie heraus geboren. Und das verleiht der Fotografie heute doppelte Bedeutung: Sie ist nicht nur kritische Beobachterin unseres architektonischen und städtebaulichen Schaffens, sie ist Erzeugerin von Architektur- und Stadträumen. Die Grenzen dazwischen sind fließend.

„Fotografieren heisst Bedeutung zu verleihen.“ Hat Susan Sontag mal geschrieben. Und Bedeutung verleihen heißt auch, die Verantwortung dafür zu tragen. Das gilt heute mehr denn je – sowohl für die Fotografen, die Bilder von der Stadt fotografieren, als auch für die Architekten und Planer, die solche Bilder bauen.

Informationen

Autor:

Tim Rieniets

Jahr:

2014

Format:

Einführungsvortrag

www.bildsprachen.de